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Grußwort von Botschafter Manfred Huterer zum Volkstrauertag am 17.11.2019

18.11.2019 - Artikel

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

sehr geehrter Herr Shbanow,

sehr geehrte Vertreter des Dorfsowjets,

liebe Gäste,

ich danke Ihnen sehr für Ihr Kommen, für Ihre Anwesenheit an dieser Stätte an einem Tag, an dem wir aller Opfer von Krieg und Gewalt auf dieser Welt gedenken.

Volkstrauertag 2019
Volkstrauertag 2019© Deutsche Botschaft

Wir brauchen Momente des Innehaltens, genauso wie wir Orte des Mahnens brauchen, damit das, was geschehen ist, nicht verdrängt wird. Unser Gedächtnis braucht Stützen der Erinnerung. Gedenktage wie Denkmale bringen zum Ausdruck, welche Ereignisse und Erfahrungen unserer Geschichte wir im Bewusstsein auch künftiger Generationen bewahren und lebendig halten wollen.

Volkstrauertag 2019
Volkstrauertag 2019© Deutsche Botschaft

Der Volkstrauertag gibt uns immer wieder die Möglichkeit, uns mit dem Leid, das durch Kriege und Gewaltherrschaften verursacht wurde, auseinanderzusetzen. Er verpflichtet uns, das Vergangene nicht zu vergessen und all derer zu gedenken, die unter Unmenschlichkeit leiden mussten.

Deshalb denken wir heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Volkstrauertag 2019
Volkstrauertag 2019© Deutsche Botschaft

Wir gedenken der Soldaten, die in den beiden Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen, Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Hier an diesem Ort in Tarassova stehen wir vor den Gräbern von 1098 deutschen Kriegsgefangenen des 2. Weltkrieges, die fern ihrer Heimat ihr Leben verloren. Unweit dieser deutschen Grabstätte, an der wir gerade stehen, befinden sich auch drei Gräber belarussischer Widerstandskämpfer und Soldaten. Diese 14 Menschen haben ihr Leben verloren bei dem Versuch, sich der Besatzung durch deutsche Truppen zu widersetzen – auch ihrer wollen wir heute gedenken.

Volkstrauertag 2019
Volkstrauertag 2019© Deutsche Botschaft

Belarus war Schauplatz aller Grausamkeiten des 2. Weltkriegs mit fast 3 Mio belarussischer Toten. Mit dem Vernichtungskrieg Hitler-Deutschlands gegen die Sowjetunion erreichte das systematische Morden auf dem Territorium von Belarus eine präzedenzlose Dimension. Das werden wir Deutsche nie vergessen.

Wir gedenken auch derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde. Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung.

Liebe Gäste,

seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind über 70 Jahre vergangen. Der Krieg ist ein ferner, aber kein abgeschlossener Teil unserer Vergangenheit. Es ist Vergangenheit, die nicht vergeht. Die furchtbare Erfahrung seiner Schrecken ist Teil unserer Identität wie unserer Sehnsucht nach Frieden.

Volkstrauertag 2019
Volkstrauertag 2019© Deutsche Botschaft

Und trotz all dieser Schrecken der Weltkriege wurden seit 1945 erneut Hunderte von Kriegen überall auf der Welt geführt. Wieder wurden Millionen von Menschen Opfer - Opfer von Krieg, Verfolgung, Vertreibung, fanatischem Terror. Und nach wie vor ist Gewalt weltweit verbreitet, um andere - einzelne Menschen, Gruppen oder Staaten - zu unterdrücken, ihnen im Namen von Nation, Volk, Rasse, Religion oder Ideologie den eigenen Willen aufzuzwingen.

Daher bleibt es gerade unsere besondere deutsche Verantwortung und Verpflichtung, gegen jede Form von Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit, gegen Heilsversprechen und kollektive Schuldzuweisungen vorzugehen. Nie wieder dürfen Staat und Gesellschaft zulassen, dass Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer politischen Einstellung, ihrer sexuellen Orientierung, wegen ihrer Andersartigkeit zum Feindbild einer schweigenden Mehrheit gemacht, verachtet, gedemütigt oder bedroht werden.

Wir Nachgeborenen haben versprochen und bekräftigen, dass wir die Schrecken der Geschichte nicht vergessen werden, dass wir die Erinnerung an sie bewahren und die Lehren aus ihr in Zukunft ziehen werden. Die Opfer verpflichten uns, alle Formen von Diskriminierung und Intoleranz zu ächten und jeder Art des Hasses und der Ausgrenzung entschieden entgegenzutreten. Heute gilt – fast schon mehr denn je – Widerstand gegen das Vergessen zu mobilisieren und dem „Nie wieder Krieg“ eine über Generationsgrenzen hinweg feste Verankerung zu geben.

Erinnerungskultur ist die bewusste Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ob wir die Lektionen der Vergangenheit wirklich gelernt haben, ist noch offen. Aber wir entscheiden mit darüber, wie das 21. Jahrhundert verlaufen wird.

Der Volkstrauertag ist ein Tag der Erinnerung und der Besinnung: der Erinnerung an Krieg und Gewalt und des Gedenkens an die Toten. Wir verneigen uns in Trauer vor ihnen und bleiben ihnen verbunden in der dauerhaften Verpflichtung für Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit.

Ich möchte nun Erzbischof Pinter und Vater Alexander bitten, jeweils ein Gebet zu sprechen. Gemeinsam wollen wir danach das „Vater unser“ beten.

 

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