Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Grußwort des Botschafters Peter Dettmar aus Anlass des Empfangs zum Tag der Deutschen Einheit am 02.10.2018

05.10.2018 - Artikel

Sehr geehrter Herr stellvertretender Außenminister Krawtschenko,

sehr geehrte Vertreter der beiden Kammern des Parlaments der Republik Belarus,

sehr geehrte Vertreter der Regierung der Republik Belarus,

sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

meine sehr geehrten Damen und Herren!

Liebe Gäste!

Ich möchte Sie alle herzlich willkommen heißen aus Anlass des Empfangs zum Tag der Deutschen Einheit, dem Tag, an dem sich morgen vor 28 Jahren die Wiedervereinigung unseres Landes nach Jahrzehnten der Teilung friedlich und in Übereinstimmung mit unseren Partnern und Nachbarn vollzog. Ein Tag, an den wir Deutschen uns Jahr für Jahr in Dankbarkeit erinnern.

Wir denken dabei vor allem zurück an unsere Landsleute in der früheren Deutschen Demokratischen Republik, die mit großer Zivilcourage ein knappes Jahr zuvor die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht hatten: eine wahrhaft friedliche Revolution. „Wir sind das Volk“, dichtete Ferdinand Freiligrath 1848 in den Tagen der deutschen Revolution. „Wir sind das Volk“, mit diesen vier einfachen Worten wurde ein ganzes System erschüttert und zu Fall gebracht. In diesen Worten verkörperte sich der Wille der Menschen, das Gemeinwesen, die res publica, selbst in die Hand zu nehmen. So wurde die friedliche Revolution in Deutschland wahrhaft republikanisch.  „Wir sind ein Volk“, heißt es nun seit dem 03. Oktober 1990. Zwischen 1848 und 1990 lagen anderthalb Jahrhunderte schwieriger deutscher Geschichte im Ringen um Einigkeit und Recht und Freiheit.

Die Welt von 1989 hat uns mehrdeutige Vermächtnisse und keine Meistererzählung hinterlassen. Der heutige Zustand der Welt stellt uns vor neue Fragen nach dem, was lebendig und was tot ist in dem Gedankengut, das mit der ‚Samtenen Revolutionen‘ verbunden ist, die den Kalten Krieg beendeten. Unsere Einheit wurde niemandem aufgezwungen, sondern friedlich vereinbart. Sie ist Teil eines gesamteuropäischen geschichtlichen Prozesses, der die Freiheit der Völker und eine neue Friedensordnung unseres Kontinents zum Ziel hat. Diesem Ziel wollen wir Deutschen dienen. Ihm ist unsere Freiheit gewidmet.

Meine Damen und Herren

Unter den vielen Etiketten, die man dem Jahr 1989/1990 angeheftet hat, bleibt ‚demokratische Revolution‘ im Rückblick die passendste. Nicht weil die Revolution selbst demokratisch war, sondern weil es ihr Ziel und ihr tatsächliches Ergebnis war, einen demokratischen Wandel herbeizuführen, weil es auf besondere Weise demokratische und nationale Bestrebungen verband. Von der Demokratisierung bis zur deutschen Wiedervereinigung  verbanden sich Volkssouveränität und nationale Souveränität, um in der Folge die europäische Nachkriegsordnung zu verändern.

Die Präambel unserer Verfassung gibt dem deutschen Volk auf, (ich zitiere) „in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“. Es war, ist und bleibt für uns Staatsraison. Dies ist Teil unserer Identität. Dieses Bekenntnis des Grundgesetzes darf nicht nur als Legitimation eines weiteren europäischen Integrationsprozesses verstanden werden, sondern als historisch begründete, politisch bewusste Selbstverpflichtung Deutschlands für eine gemeinsame Zukunft mit allen unseren Nachbarn und Partnern in Europa und in der Welt.

Heute stehen wir in Europa gemeinsam für die Werte und Prinzipien, die wir auf unserem Kontinent errungen haben: für Recht und Demokratie, für Solidarität und Offenheit, für die Würde des Einzelnen und das Miteinander der Verschiedenen. Und wir wissen aus der Geschichte von Gewalt und Kriegen: Dieses Fundament unseres Zusammenschlusses ist nicht selbstverständlich. Freiheit und Rechte fallen uns nicht einfach zu, sie müssen immer wieder erstritten werden.

Meine Damen und Herren

Im Juni des Jahres wurde Deutschland von mehr als 180 Staaten als nicht-ständiges Mitglied für zwei Jahre in den VN-Sicherheitsrat gewählt. Für Deutschland ist dieses Vertrauen der Staatengemeinschaft ein Auftrag, gemeinsam mit unseren Partnern auch weiterhin mit aller Kraft zu Frieden und Sicherheit in der Welt beizutragen. Dies geht nur im Rahmen einer regelbasierten internationalen Ordnung. Ein echter Multilateralismus soll nicht das Recht des Stärkeren zementieren, sondern muss faire Bedingungen für alle schaffen. In einer alle Interessierten offen stehenden Allianz für den Multilateralismus möchte Deutschland hieran gemeinsam arbeiten. Im Herzstück der internationalen Friedensordnung, dem Sicherheitsrat in New York, möchte Deutschland 2019-2020 unsere Leitbegriffe für eine vorwärtsgewandte VN-Politik – Frieden, Gerechtigkeit, Innovation, Partnerschaft – konkret mit Leben füllen. Mit unseren Partnern weltweit wollen wir helfen, Spaltungen zu überwinden, Gegensätze zu überbrücken, zur Lösung von Krisen und Konflikten beizutragen und Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit zu fördern.

Meine Damen und Herren

Die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern sind so vielfältig und breit wie nie. Seit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen sind wir in den vergangenen 26 Jahren einen langen Weg gegangen, in dessen Verlauf sich unsere Kontakte in Politik, Wirtschaft und Kultur nachhaltig intensiviert haben. Dabei ist die Zusammenarbeit zwischen den Zivilgesellschaften ein wichtiger Grundpfeiler unserer Beziehungen.

Von weit herausgehobener Bedeutung für unsere Beziehungen war der Besuch von Bundespräsident Steinmeier auf Einladung von Präsident Lukaschenko am 29. Juni in Minsk. Anlass für die Einladung und damit den ersten Besuch eines Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland in Ihrem Land seit dessen Unabhängigkeit war die feierliche Einweihung des Gedenkstättenteils Blagowtschina des Vernichtungsorts Malyj Trostenez. In seiner Rede erinnerte Bundespräsident Steinmeier daran, dass es viel zu lange gedauert hat, um an einem Ort wie Trostenez an die Verbrechen zu erinnern, die hier durch Deutsche an belarussischen, deutschen, österreichischen und tschechischen Juden, an sowjetischen Kriegsgefangenen, belarussischen Widerstandskämpfern und Zivilisten begangen wurden. Dieses Geschehen war Menschenwerk, trug deutsche Namen, wurde arbeitsteilig geplant und durchgeführt. Malyj Trostenez als Ort des Todes wieder in das historische Bewusstsein Europas zurückzuholen, sei ein lange überfälliger Schritt gewesen. Dass dies gelungen ist, ist das Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen, vor allem aber der Bereitschaft Ihres Landes und seiner Bürgerinnen und Bürger zur Versöhnung. Mit seiner Rede legte Bundespräsident Steinmeier ein klares Bekenntnis zur deutschen Schuld und fortdauernden Verantwortung für die von Deutschen auf dem Gebiet des heutigen Belarus begangenen Verbrechen ab. Eben diese Verantwortung haben wir als einen nicht zu verdrängenden Teil  unserer Geschichte angenommen. Aufarbeitung und daraus resultierende Verantwortung folgen dem Gedanken, dass es erforderlich ist, zu wissen was war, um zu wissen, was künftig sein soll. Denn um das, „was künftig sein soll“, geht es doch letztlich. Es geht darum, nicht ausgeschöpfte Potenziale in unseren Beziehungen aktiv anzugehen. Dies braucht Zeit, Geduld und Vertrauen in den jeweiligen Gegenüber. Worum es aber letztlich immer gehen sollte, sind doch die Menschen in unseren beiden Ländern und deren gemeinsame glückliche Zukunft in Sicherheit, Frieden und Freiheit. Hierauf gemeinsam das Glas zu erheben, möchte ich Sie im Anschluss an die Worte von Minister Krawtschenko bitten.

Ich danke Ihnen. Herr Minister, ich bitte um Ihre Worte.

nach oben